2. Übung zur Passivfähigkeit


Sprache als einen Instinkt zu betrachten heißt, die öffentliche Meinung - insbesondere von den Geistes- und Sozialwissenschaften tradierte - umzukehren.
Sprache ist genauso wenig eine kulturelle Erfindung wie der aufrechte Gang. In ihr manifestiert sich auch nicht eine allgemeine Fähigkeit mit Symbolen umzugehen - wie wir sehen werden, ist ein dreijähriges Kind ein grammatisches Genie, aber völlig unbeschlagen auf dem Gebiet der bildenden Kunst, der Verkehrszeichen und den anderen Bereichen des semiotischen Spektrums. Obwohl die Sprache eine großartige Fähigkeit ist, die von allen lebenden Arten nur der Homo sapiens beherrscht, sollte der Mensch auch in Zukunft ein Forschungsobjekt der Biologen bleiben.

[...] Sobald man Sprache nicht mehr als den erhabenen Ausdruck menschlicher Einzigartigkeit begreift, sondern als Resultat eines biologischen Anpassungsprozesses zur Vermittlung von Informationen, erliegt man nicht länger der Versuchung, die Sprache als heimtückischen Gedankenverdreher zu betrachten, der sie [...] auch tatsächlich nicht ist. Die Komplexität der Sprache ist vom Standpunkt des Wissenschaftlers aus betrachtet Teil unseres biologischen Geburtsrechts. Sie ist nichts, was Eltern den Kindern beibringen oder was man in der Schule verfeinern müsste. Die unbewussten grammatischen Kenntnisse eines Vorschulkindes sind weitaus komplexer als das dickste Handbuch des guten Sprachstils oder das modernste Computersprachsystem.

Aus: S. Pinker; Der Sprachinstinkt. Kindler Verlag. München. 1996. (leicht verändert)


Ergebnis